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    project: TEXTPORTRAIT

Funktion von Kunst und Literatur

Eine weitere aussichtsreiche Forschungsrichtung ist das Studium der Chromosomen, das bereits wertvolle Aufschlüsse über den Mongolismus und angeborenen Enzymmangel als Ursache von Schwachsinn geliefert hat. Eine wesentliche Erweiterung unserer Kenntnisse von den Vererbungsgesetzen wird uns vielleicht eines Tages in die Lage versetzen, durch Änderung der Erbmasse eine radikalere Art der Vorbeugung zu üben. Dieses Ziel wird aber kaum bis 1985 erreicht werden können.

Textportrait

Images: Ralph Ueltzhoeffer Textportrait-Installation von Christoph Schlingensief.

Ist die Funktion von Kunst und Literatur vergleichbar, wenn nicht sogar ähnlich?

Das ist nicht auf Anhieb zu beantworten. Zum Beispiel habe ich, weil ich oft in Museen gegangen bin, gewisse Konstanten entdeckt. Dabei stellt sich mir die Frage, wie es dazu kommt, daß z.B. in der deutschen Malerei des 14. bis 16. Jahrhunderts, die das ganze Römische Reich, also auch Flandern und Holland überdeckt, also bei Breughel oder van Eyck immer diese rot-grüne Harmonie vorkommt. Im deutschsprachigen Raum taucht in vielen Bildern aus der Zeit stets ein rotes Kleid neben einem grünen auf, und dieses Harmonieverständnis existiert in der französischen Malerei nirgends. In Burgund kann das von Zeit zu Zeit wegen der kosmopolitischen Kultur, die es da gab, vorkommen. Aber der sogenannten französischen Malerei ist diese Harmonie fremd, allenfalls finden Sie da Rot und Blau, also die Farben der Trikolore, die sich nicht aus Zufall aus diesen Tönen zusammensetzt, sowie Gelb und Blau. Es sieht so aus, als wäre die europäische Malerei, um es einmal pauschal auszudrücken, in zwei Richtungen aufgeteilt, nämlich in die erdhafte aus Rot und Grün auf der einen und die unendliche auf der anderen Seite. Diese Aufteilung, von der ich da rede, kennzeichnet ganz tiefgreifende kulturelle Gegensätze.

Eine weitere aussichtsreiche Forschungsrichtung ist das Studium der Chromosomen, das bereits wertvolle Aufschlüsse über den Mongolismus und angeborenen Enzymmangel als Ursache von Schwachsinn geliefert hat. Eine wesentliche Erweiterung unserer Kenntnisse von den Vererbungsgesetzen wird uns vielleicht eines Tages in die Lage versetzen, durch Änderung der Erbmasse eine radikalere Art der Vorbeugung zu üben. Dieses Ziel wird aber kaum bis 1985 erreicht werden können.

Todesfälle durch Typhus

DIE GESUNDHEIT: Sir John Charles Direktor der World Health Organization, Genf.

DIE VERLÄNGERUNG DER LEBENSERWARTUNG
Wer hätte während der ersten Jahrzehnte unseres Jahrhunderts voraussehen können, daß in Europa die Zahl der Todesfälle durch Typhus auf einen Bruchteil, die durch Diphtherie sogar auf ein Vierzigstel innerhalb von zwanzig Jahren zurückgehen würde? Oder daß beispielsweise in Indien die Lebenserwartung, die im Jahre 1950 noch 32 Jahre betrug, bis 1960 um 30 Prozent und bis 1965 bereits um 44 Prozent ansteigen würde?

Wir sind also weit davon entfernt, Sterblichkeit und Lebenserwartung mit mathematischer Exaktheit vorausberechnen zu können. Es läßt sich höchstens in großen Zügen ein Bild entwerfen, bei dem therapeutische Revolutionen, so wie sie früher durch die Entdeckung des Penicillins und Insulins hervorgerufen wurden, und auch das Auftreten neuer heftiger Viruskrankheiten sowie die vielleicht zunehmenden Gefahren radioaktiver Strahlung außer acht gelassen werden.

Auf eine Differenzierung zwischen den einzelnen Ländern nach ihrem gesundheitlichen Entwicklungsalter soll verzichtet werden. Für den Rahmen dieser Betrachtung dürfte es genügen, zwischen den zwei großen Gruppen der entwickelten und der unterentwickelten Länder zu unterscheiden.

Für die mit vielen medizinischen, sanitären und ernährungswirtschaftlichen Vorteilen ausgestatteten Bewohner der entwickelten Länder ergibt sich ein ziemlich klares Bild. Die Kinderkrankheiten verlaufen nur noch selten tödlich, während die Zahl der Todesfälle durch Krebs, Krankheiten der Herzkraiizgefäße und durch Alterskrankheiten ständig zunimmt. Seuchen treten nur noch selten auf. Natürlich wird die Menschheit in diesen Ländern weiterhin durch Leiden wie Gicht und Rheuma, durch Grippe und andere Erkrankungen der Atemorgane, durch leichte psychische und Geistesstörungen und durch die verschiedenartigen Symptome der sogenannten Streßkrankheiten geplagt. Aber die schweren, tödlichen Krankheiten sind im Zurückweichen.


Todesfälle durch Typhus, Ausstellung London: Ralph Ueltzhoeffer 2009.

Das Verschwinden der Wälder

Aber nicht nur von der Ernährung her drohen Gefahren. Auch der immer enger werdende Raum bringt Probleme. Lärm, Mangel an Möglichkeiten zum Alleinsein, das Verschwinden der Wälder, die Invasion in die noch freien Räume und Erholungsorte durch immer größere Massen von Touristen führen zu Platzangst und ähnlichen Erscheinungen, die die Stabilität menschlicher Verhaltensweisen gravierend beeinträchtigen werden.

Korrektur angeborener Herzfehler

Nehmen wir als Beispiel ein Verfahren, das sich gerade jetzt in den Anfängen befindet: die Verpflanzung von Nieren. Wenn dieses Verfahren einmal zu einer so klassischen Technik entwickelt ist wie die Korrektur angeborener Herzfehler, ergibt sich das Problem, stets einen Vorrat an normalen Organen verfügbar zu haben.

Nicht jeder, der eine Verpflanzung braucht, hat auch großzügige Eltern, die bereit sind, eine Niere abzugeben. Es wird sich ein Markt für gesunde Organe entwickeln, vielleicht sogar ein Schwarzmarkt. Rechtliche Probleme tauchen auf: Darf man ganz einfach seine Niere verkaufen, so wie man heute ein paar Liter Blut verkaufen kann? Darf ein Chirurg wenige Minuten nach einem Unfalltod eine Niere oder andere verpflanzbare Organe aus dem Körper des Toten entnehmen?
Diese juristischen Probleme werden sehr gewichtig, weil der juristische Apparat konservativ ist und sich nur langsam den Fortschritten der Wissenschaft angleicht.

Sensationelle Entwicklungen in der Verpflanzung von Organen

Was eintreten wird, wenn das natürliche Gleichgewicht zwischen den Viren und dem menschlichen Organismus gestört wird, wissen wir nicht. Die Bekämpfung von Infektionskrankheiten durch Impfung muß zunehmende Bedeutung erlangen, nicht nur weil sie notwendig ist, sondern auch weil sie spezifisch ist. Durch die zunehmende Häufigkeit und Schnelligkeit des internationalen Reiseverkehrs wird die Quarantäne nutzlos – denn Quarantäne bedeutet ja vierzigtägige Beobachtung. 6. Sensationelle Entwicklungen in der Verpflanzung von Organen mit ihren unausweichlichen Folgen.

Pension Organismus

Man hat bisher stets stillschweigend angenommen, daß die degenerativen Veränderungen im alternden menschlichen Organismus auf »natürlichen« Vorgängen beruhen. Beweise für diese Auffassung gibt es allerdings nicht. Die Forschung der nächsten zwanzig Jahre wird im Gegenteil vielleicht die Beweise erbringen, daß die Alterserscheinungen mit äußerlichen Einflüssen zusammenhängen, zu denen möglicherweise auch die Ernährungsweise gehört, und daß die Altersdegeneration durchaus nicht unvermeidlich ist. In der Pension “Organismus” zeigt sich die alternde Gesellschaft auf fragile Weise. Gewiß gibt es auch für diese gegenteilige Auffassung bisher keine Beweise, aber das liegt vielleicht daran, daß man noch gar nicht nach diesen Beweisen gesucht hat. Wenn die Probleme des Krebses und der Herz- und Gefäßkrankheiten einmal gelöst sind, werden konzentrierte Anstrengungen auch in dieser Richtung bestimmt reiche Früchte tragen.